Europäische Union

2004/269/EG: Entscheidung der Kommission vom 18. Januar 2000 zur Erklärung der Vereinbarkeit eines Zusammenschlusses mit dem Gemeinsamen Markt und dem EWR-Abkommen (Sache COMP/M.1630 — Air Liquide/BOC) (Bekannt gegeben unter Aktenzeichen K(2000) 62) (Text von Bedeutung für den EWR)

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Quellenkennung: 32004D0269. Spätere Änderungen sind nicht automatisch in dieser Fassung enthalten.

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hungen zum Kunden aufbauen. Bewegt sich der Bedarf eines Kunden während der Laufzeit eines Bulkvertrags in den Tonnagebereich, wäre das angestammte Unternehmen naturgemäß der einzige Anbieter, der die Tonnagelieferung anbieten kann. (90) Die Möglichkeit, bestimmte Bulkkunden zum Tonnagegeschäft "zu bewegen", verleiht dem angestammten Anbieter eine logistische Flexibilität, die einen Kostenvorteil insgesamt bringt. Wenn das etablierte Unternehmen beispielsweise einen neuen Tonnagekunden gewinnt, kann es möglicherweise eine größere On-site-Anlage errichten, um eine überschüssige Kapazität für den Bulkmarkt zu schaffen. Durch den Anschluss eines neuen Kunden an eine Pipeline könnte der angestammte Anbieter den Auslastungsgrad dieses Pipelinenetzes verbessern. Wenn das Unternehmen andererseits nur über eine begrenzte Kapazität für die Erzeugung von Flüssiggas in einer bestimmten Region verfügt, beispielsweise auf einem Wachstumsmarkt, würde sich durch die Gewinnung eines Bulkkunden für das Tonnagegeschäft die Situation entspannen. (91) Theoretisch könnte man anführen, dass auch andere Industriegashersteller auf bestehenden Bulklieferaufträgen aufbauen könnten, um Tonnageaufträge zu erhalten. Da sie jedoch als Bulkanbieter in ihren jeweiligen Heimatmärkten eine sehr starke (beherrschende) Stellung innehaben, sind Air Liquide und BOC sehr wohl in der Lage, ihre Beziehungen zu den Bulkkunden als Druckmittel für den Erwerb von Tonnageaufträgen zu nutzen. In einem stärker ausgewogenen Markt hätten Kunden - insbesondere große Unternehmen - vielfach mehr als einen Bulkanbieter oder würden die Bulkanbieter häufiger wechseln. Wenn aber ein Unternehmen den nationalen Bulkmarkt beherrscht, dürfte es für viele Abnehmer die einzige Bezugsquelle darstellen. Durch die Vereinigung starker Positionen in verschiedenen wichtigen Bulkmärkten würde die geplante Übernahme auch die Vorteile, die Air Liquide und BOC aufgrund ihrer beherrschenden Stellung genießen, weiter verstärken. Der vorgesehene Erwerb würde zwei Wettbewerber mit führender Technologie und der Fähigkeit zur Durchführung von Projekten miteinander vereinen (92) In der Branche herrscht Übereinstimmung dahin gehend, dass Technologie ein wichtiger Faktor ist, durch den sich ein Anbieter von den Wettbewerbern unterscheidet. Im Tonnagegeschäft ist die Technologie (Verfahrenstechnik) ein wesentlicher Wettbewerbsparameter. Die Lieferung von technischen Gasen unter Verwendung großer On-site-Anlagen ist äußerst kapitalintensiv, und fortgeschrittene Verfahrenstechnik kann einem Anbieter einen Kostenvorteil bringen - zum Beispiel im Hinblick auf den Energieverbrauch, geringere Emissionen und Investitionsausgaben. Die Anmelderin bestätigte die Bedeutung der Verfahrenstechnik in ihrer Erwiderung auf die Mitteilung der Beschwerdepunkte. (93) Das große FuE-Potenzial von Air Liquide und BIC zeigt sich in deren FuE-Ausgaben und Einrichtungen. 1998 betrug der FuE-Haushalt von Air Liquide [...]* Mio. EUR. Das Unternehmen beschäftigte [...]* Wissenschaftler in [...]* Forschungszentren, machte [...]* Erfindungen und reichte [...]* Patent-anmeldungen ein. Air Liquide verfügt über [...]* Industriepartnerschafts-vereinbarungen und [...]* Abkommen über internationale Zusammenarbeit mit Hochschulen. Die Engineering-Abteilung von Air Liquide ([...]* Mitarbeiter weltweit) projektiert und baut Gasanlagen. 1998 beliefen sich die FuE-Ausgaben von BOC auf [...]* Mio. EUR. Das Unternehmen beschäftigt über [...]* Forscher in [...]* Hauptforschungszentren und einer Reihe kleinerer Einrichtungen, die Verfahrenssysteme sowie Schlüsselindustrien wie die Elektronikbranche umfassen (BOC Edwards). Ferner laufen eine Vielzahl von FuE-Kooperationsvereinbarungen mit Dritten. BOC hat seine Fähigkeiten im Anlagenbau weltweit auf das Geschäftsfeld Verfahrenssysteme konzentriert. (94) Air Liquide und BOC verfügen über eine umfassende Spitzentechnologie im Anlagenbau und nicht zuletzt über das technische Know-how. Beide Unternehmen sind Marktführer beispielsweise bei der Herstellung von hochreinen Gasen für die Elektronikindustrie. Von Air Products wurde bestätigt, dass BOC im Hinblick auf kleinere Anlagen im Bereich 150-350 t/d äußerst konkurrenzfähig ist. Wenngleich sich die kryogene Luftzerlegung, die in großen On-site-Anlagen zum Einsatz kommt, möglicherweise in naher Zukunft nicht wesentlich verändern wird, stellt die Fähigkeit, kontinuierlich Verbesserungen vorzunehmen und durchzusetzen, einen wichtigen Aktivposten dar. Air Liquide würde unbegrenzten Zugang zum gesamten Know-how von BOC auf dem Gebiet der Verfahrenstechnik und des Anlagenbaus erhalten. Die Kommission muss davon ausgehen, dass Air Liquide auch das zu BOC gehörende FuE-Zentrum erwirbt, das in den Vereinigten Staaten seinen Sitz hat (neben dem Forschungszentrum BOC Edwards im Vereinigten Königreich). (95) Die Fähigkeit, große On-site-Projekte zu planen, zu verwalten und auszuführen, ist zumindest ebenso wichtig wie ein breitgefächertes Angebot an Technologien. Air Liquide und BOC gehören zu der Gruppe der vier Industriegashersteller, die von Branchenkennern als in dieser Hinsicht führend angesehen werden. So wurde beispielsweise [...]* der größten Sauerstoffanlagen (mit einer Kapazität von mehr als [...]* t/d) der Welt von Air Liquide errichtet. (96) Beide Unternehmen verfügen außerdem über führende nichtkryogene Produktionstechnik, namentlich auf dem Gebiet der fortgeschrittenen VDWA-Generatortechnik. Air Liquide ist der weltweit größte Anbieter von kleinen Membrangeneratoren, die in der Lage sind, Stickstoff mit einer Reinheit von 99,9 % zu erzeugen. Durch diese Technologien ist es möglich, das On-site-Geschäft auf den Bereich der Verbraucher kleiner Mengen (unter 100 t/d) auszudehnen. Diese Strategie wurde von Air Liquide in der Vergangenheit erfolgreich verfolgt (fast [...]* kleine On-site-Aufträge). (97) Das vergrößerte Unternehmen wäre auch auf anderen Gebieten führend, so bei der gemeinsamen Erzeugung von Gasen, Strom und Dampf (so genanntes "erweitertes Angebot"). Es wäre von allen Wettbewerbern am besten in der Lage, Kunden in Schlüsselindustrien wie der Elektronikbranche zu beliefern, in denen Aufträge über große Mengen abgeschlossen werden können. Air Liquide hat [...]* % seiner FuE-Tätigkeit auf diesen Sektor konzentriert und nimmt in dieser Branche eine führende Position ein, indem es ein umfassendes "Gas- und Chemikalien-Management" anbietet, das Logistik, Nachweis, Überwachung, Recycling und abnehmerseitige Verfahren integriert. BOC hat sich durch seine Tochtergesellschaft BOC Edwards stark im Elektroniksektor engagiert. Beide Unternehmen bieten der Elektronikbranche ein umfassendes Sortiment an, das von der Erzeugung von hochreinen Standard- und Spezialgasen vor Ort bis zu Verfahrensausrüstungen für den Kunden reicht. Die vereinte starke globale Präsenz von Air Liquide/BOC würde weitere Vorteile im Hinblick auf multinationale Kunden bringen (98) Die Strategie von Air Liquide besteht darin, seine größten Tonnagekunden (führende Industrieunternehmen) bei der Lieferung von Gasen in der ganzen Welt zu begleiten. Diese Strategie geht aus dem Jahresbericht von 1998 hervor: "Air Liquide verfolgt eine globale Expansion, um seine Kunden in der ganzen Welt zu begleiten und zu betreuen." Solche Partnerschaften werden "durch Air Liquides globale Präsenz möglich". Es wird davon ausgegangen, dass BOC, das in über 50 Ländern tätig ist, den umfassendsten globalen Aktionsradius sämtlicher Industriegasunternehmen besitzt. Seine globale Ausrichtung hat kürzlich zu einer Umstrukturierung seiner Tätigkeit in vier globale "Geschäftsfelder" geführt. (99) Aus Antworten von Kunden geht hervor, dass die globale Präsenz keine Voraussetzung ist, um sich um Tonnageaufträge zu bewerben, da die meisten Kunden die beste Lösung für einen bestimmten regionalen Markt suchen. Allerdings könnte die globale Präsenz für ein Industriegasunternehmen einen Wettbewerbsvorteil hinsichtlich multinationaler Kunden bringen. Wenn ein Hersteller von technischen Gasen Geschäftsbeziehungen zu einem Kunden aufgenommen und seine Zuverlässigkeit in einer Region unter Beweis gestellt hat, verfügt er über eine Referenz, wenn er sich um einen Tonnagevertrag in einer anderen Region bewirbt. Ein weltweit operierendes Gasunternehmen ist außerdem eher in der Lage, Kunden in einem Land als Gegenleistung für neue Aufträge in einem anderen Land Zugeständnisse (beispielsweise in Form von Rabatten) zu machen. Nach Ansicht von Marktteilnehmern stellt die Fähigkeit, weltweit tätig zu sein, einen Vorteil beim Umgang mit Kunden in der Elektronikbranche dar. Industriegashersteller mit einem begrenzten globalen Engagement wie Linde, Messer und AGA sind im Nachteil, wenn sie sich um solche Kunden bemühen. c) Position der Wettbewerber Die Vormachtstellung des neuen Unternehmens würde sich demotivierend auf die übrigen Wettbewerber auswirken (100) Air Liquide/BOC wären in jeder Hinsicht die mächtigsten Tonnagelieferanten. Einige ihrer Stärken sind allgemeiner Art (Technologie, Fähigkeit zur Durchführung von Projekten und eine sich über mehrere Länder erstreckende Infrastruktur). Darüber hinaus hätte das erweiterte Unternehmen besondere regionale Stärken (starke regionale Lieferposition, Verfügungsgewalt über Pipelinenetze und Beherrschung der nationalen Bulkmärkte). (101) Keiner der übrigen Wettbewerber kann sich im Hinblick auf die Gesamtstärken mit Air Liquide/BOC messen. Da die Wettbewerber auf diesen allgemeinen Gebieten hinterherhinken, hätten sie auch weniger Anreize, einen deutlichen Vorstoß auf die regionalen Bastionen von Air Liquide/BOC zu versuchen, wo sie auf besonders heftigen Widerstand stoßen würden. Die Verbindung von regionalen Stärken mit allgemeinen Stärken in einem Unternehmen könnte daher zur faktischen Aufteilung des EWR-Marktes in ein vollständig von Air Liquide/BOC kontrolliertes großes westeuropäisches Gebiet auf der einen Seite und dem übrigen EWR auf der anderen führen. (102) Die Kontakte zwischen Air Liquide/BOC und seinen Wettbewerbern auf mehreren Märkten hemmt außerdem den Wettbewerb. Jeder der übrigen Wettbewerber konkurriert mit Air Liquide/BOC in nationalen Bulk- und/oder Flaschenmärkten, auf denen Air Liquide/BOC ebenfalls eine starke Stellung einnimmt (siehe Tabelle 9). Daher sähe sich jeder Wettbewerber veranlasst, einen aggressiven Wettbewerb zu vermeiden, um sich nicht Gegenmaßnahmen von Air Liquide/BOC auszusetzen. Die meisten übrigen Tonnageanbieter werden von den Marktteilnehmern als "zweitrangige" Wettbewerber angesehen (103) Um eine allgemeine Einschätzung der Wettbewerbsfähigkeit der übrigen Tonnageanbieter vornehmen zu können, wäre es sinnvoll, die Meinung der Industriegashersteller selbst in Betracht zu ziehen. In einer internen Studie von Air Products, die sich jedoch nicht nur auf den Tonnagemarkt bezieht(28), wird zwischen "erstrangigen" und "zweitrangigen" Herstellern von technischen Gasen unterschieden. Air Liquide, BOC, Air Products und Praxair gehören zur ersten Gruppe; Linde, AGA und Messer zur zweiten. In dieser Analyse hinken Linde, AGA und Messer neben anderen Dingen bei "der Fähigkeit, große On-site-Anlagenprojekte durchzuführen" hinterher. Diese Einschätzung wird auch von Branchenkennern geteilt(29). (104) Keiner der übrigen Wettbewerber besitzt ähnliche konkrete Stärken auf dem Tonnagemarkt wie Air Liquide/BOC (europaweite Infrastruktur, Verfügungsgewalt über ein großes Rohrleitungsnetz, starke regionale Positionen und mächtige Stellung auf nationalen Bulkmärkten). Die durch den gemeinsamen Erwerb und die Aufteilung von BOC durch Air Liquide und Air Products geschaffenen Verflechtungen würden den Anreiz zum Wettbewerb weiter mindern (105) Air Products hat nur einen begrenzten Anteil am europäischen Markt (5-10 % bei Sauerstoff und 10-15 % bei Stickstoff), ist aber im Hinblick auf die Produktionstechnologie und die Durchführung von On-site-Anlagenprojekten als eines der führenden Unternehmen anzusehen(30). (106) Aufgrund der durch den gemeinsamen Erwerb und die Aufteilung von BOC geschaffenen Verflechtungen ist es äußerst wahrscheinlich, dass Air Products keinen aggressiven Wettbewerb gegen Air Liquide/BOC führen würde (siehe Erwägungsgründe 223-243). Die Fusion von Linde und AGA würde, sofern sie erfolgt, die wettbewerbsschädlichen Auswirkungen des angemeldeten Zusammenschlusses nicht verringern (107) Im Hinblick auf den Marktanteil ist Linde der nächstgrößere Wettbewerber (15-20 % bei Sauerstoff und 15-20 % bei Stickstoff). Würde das Unternehmen AGA übernehmen, erhöhte sich sein Marktanteil bei Sauerstoff auf 25-30 % und bei Stickstoff auf 15-20 %. Dennoch wäre die Lücke zwischen seinem Marktanteil und dem von Air Liquide/BOC noch immer beachtlich, nämlich [...]* % bei Sauerstoff und [...]* % bei Stickstoff. (108) Linde wird generell als eines der führenden Unternehmen auf dem Gebiet der Produktionstechnologie (Verfahrenstechnik) für kryogene Luftzerlegungsanlagen angesehen. Die Firma verfügt über bedeutende betriebseigene Engineering-Kapazitäten. Auf einigen Gebieten fehlt ihr jedoch die Technologie. So verfügt sie beispielsweise über keine wettbewerbsfähige Membrantechnik für die Stickstoffproduktion, einen gewinnträchtigen Wachstumssektor. Der Zusammenschluss mit AGA wird keine Verbesserung der technologischen Kompetenz von Linde bringen, da AGA über kein echtes Fachwissen im Anlagenbau verfügt. Vielmehr nutzt AGA gegenwärtig Linde-Technologie auf Lizenzbasis. (109) In seiner Erwiderung auf die Mitteilung der Beschwerdepunkte hebt das anmeldende Unternehmen Lindes Fähigkeiten im Anlagenbau und seine Anlagenverkaufsgeschäfte insbesondere im Hinblick auf große kryogene Luftzerlegungsanlagen hervor. Die Linde AG ist eine diversifizierte Aktiengesellschaft, die ihr Industriegasgeschäft als eine von vier Werksgruppen betreibt. Nicht die Werksgruppe Technische Gase, seit November 1999 eine eigenständige Tochtergesellschaft der Linde AG, ist für den Bau von On-site-Luftzerlegungsanlagen zuständig, sondern die Werksgruppe Anlagenbau. Lindes Werksgruppe Anlagenbau führt auch Anlagenprojekte in einer Reihe von Wirtschaftszweigen aus, die nichts mit technischen Gasen zu tun haben. In der Vergangenheit hat es kryogene Luftzerlegungsanlagen für die Werksgruppe Technische Gase sowie andere Industriegasunternehmen errichtet. In dieser Hinsicht arbeitet Lindes Werksgruppe Anlagenbau wie jedes andere Maschinenbauunternehmen. Bei der mündlichen Anhörung erklärte Linde, dass das Unternehmen keinen Grund sehe, weshalb das Anlagengeschäft die Aktivitäten im Bereich Gaslieferung verstärken sollte. (110) Es hat den Anschein, dass durch Lindes Aktivitäten auf dem Gebiet des Anlagenbaus und des Verkaufs von Anlagen lediglich gewährleistet werden soll, dass seine Kryogen-Technik anderen Industriegasherstellern generell zur Verfügung steht. Als Ausrüstungslieferant für andere Hersteller von technischen Gasen erhöhen sich für Linde nicht unmittelbar die eigenen Chancen für den Erhalt von Tonnagelieferaufträgen. Die Lieferung von Ausrüstungen auf der Grundlage von technischen Verträgen sowie die Lieferung von Gasen im Rahmen von langfristigen Lieferbeziehungen gehören zu unterschiedlichen Produktmärkten, für die jeweils eine andere Wettbewerbsstärke Voraussetzung ist. Linde besitzt beispielsweise keinen Zugang zu einem großen Pipelinenetz. Damit verringern sich seine Möglichkeiten für die Gewinnung neuer Tonnagekunden in wichtigen Industrieregionen, in denen andere Wettbewerber über Pipelinesysteme verfügen. Das stellt ferner einen strategischen Nachteil dar. (111) Beim Wettbewerb um Tonnageaufträge ist die Fähigkeit, große On-site-Projekte zu planen, durchzuführen und zu leiten, zumindest ebenso wichtig wie technisches Fachwissen. Nach Ansicht von Analysten der Branche bleibt Linde in dieser Hinsicht hinter den "erstrangigen" Herstellern von technischen Gasen zurück(31). Die Tatsache, dass Linde eine verhältnismäßig kleine Zahl von großen On-site-Aufträgen in den letzten fünf Jahren erhalten hat (siehe Tabelle 3) scheint diese Einschätzung zu erhärten(32). In der Vergangenheit zog es Linde vor, seine Technologie an andere Industriegashersteller unter Lizenz zu vergeben oder Anlagen als Unterauftragnehmer für andere Unternehmen zu errichten. Das lässt darauf schließen, dass Linde eine recht vorsichtige Politik im Hinblick auf die direkte Durchführung von Projekten verfolgt. (112) Bei der Einschätzung des Wettbewerbsdrucks, den Linde/AGA ausüben könnte, müsste die Tatsache, dass Linde/AGA über bestimmte regionale Stärken verfügen würde, mit ins Kalkül gezogen werden. Wie auch Air Liquide/BOC hätte Linde/AGA, wenn auch in geringerem Maße, eine starke Stellung in bestimmten "angestammten" Gebieten (Österreich, Skandinavien und bestimmte Regionen in Deutschland). Es besteht die Gefahr, dass sich Linde/AGA auf die Regionen konzentriert, in denen es konkrete Wettbewerbsvorteile und ein geringeres Risiko hat, wodurch sich der Gesamtumfang des Wettbewerbs verringern würde. Es ist unwahrscheinlich, dass Messer und Praxair effektive Wettbewerber darstellen (113) Weder Messer noch Praxair können auf vergleichbare spezifische Stärken wie Air Liquide/BOC verweisen. (114) Messer liegt beim Marktanteil (10-15 % bei Sauerstoff und 5-10 % bei Stickstoff) sowie bei der Anzahl der erhaltenen Aufträge (siehe Tabelle 3) deutlich zurück. Zwar verfügt das Unternehmen über Fachwissen im Anlagenbau, doch bestehen strategische Nachteile im Vergleich zu Air Liquide/BOC. Nachteilig macht sich auch bemerkbar, dass Messer wesentlich kleiner als die Branchenführer Air Liquide/BOC und die anderen wichtigen Akteure (beispielsweise Air Products) ist, besonders wenn es um den Kampf um große Projekte geht, die große Kapitalanlagen erfordern. Da die Verschuldung des Unternehmens in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat, dürfte Messer die Finanzkraft fehlen, in Zukunft in bedeutendem Umfang in On-site-Projekte zu investieren. Ferner fehlt bei Messer der globale Aktionsradius. (115) Praxair verfügt in Europa über keine starke Präsenz (Marktanteil unter 5 % bei Sauerstoff und 5-10 % bei Stickstoff). Die Stärken des Unternehmens liegen im Wesentlichen auf den amerikanischen Märkten. (116) Will man die zukünftige Beteiligung von Praxair am Wettbewerb auf dem EWR-Tonnagemarkt einschätzen, muss man die wirtschaftlichen Anreize für ein ernsthaftes Engagement des Unternehmens bewerten. Bei der mündlichen Anhörung erklärte Praxair, dass es ihm trotz seiner technologischen Fähigkeiten nicht gelungen ist, einen signifikanten Anteil am europäischen Markt zu erwerben. Das Unternehmen schätzt seine Chancen, Aufträge zu erhalten, angesichts des Konkurrenzdrucks der großen angestammten Anbieter als gering ein. Praxair führte aus, dass es höchstwahrscheinlich keine großen Investitionen vornehmen wird, um seine Präsenz in Europa zukünftig zu verstärken. Es scheint, dass es Praxair trotz seiner technologischen Fähigkeiten als wirtschaftlich vernünftig ansieht, Investitionen in anderen Regionen der Welt den Vorzug zu geben, in denen es ein höheres Wachstumspotenzial zu erkennen glaubt. Davon ausgehend ist es unwahrscheinlich, dass Praxair den Unternehmen nach dem Zusammenschluss im EWR-Tonnagemarkt den Rang in solchem Maße streitig macht, dass sie ihre beherrschende Stellung verlieren. d) Stellung der Kunden und Auftragsvergabe Einer hohen Konzentration auf der Anbieterseite steht eine weitaus geringere Konzentration auf der Nachfrageseite gegenüber (117) Die Kunden auf dem europäischen Tonnagemarkt sehen sich bereits jetzt mit einer hochkonzentrierten Angebotsstruktur konfrontiert. Gegenwärtig sind wenige (nicht mehr als sieben) Anbieter von Tonnagegasen auf dem Markt tätig. Ihre Zahl könnte auf fünf zurückgehen. Von diesen sind einige offensichtlich weniger leistungsfähig als andere. (118) Durch den fraglichen Zusammenschluss würden sich die Auswahlmöglichkeiten der Kunden weiter verringern. Die Ausschaltung von BOC als eine unabhängige Kraft im Wettbewerb würde die Angebotsstruktur noch weiter einengen, nicht nur weil die Zahl der Wettbewerber kleiner wird, sondern vor allem weil einer der wenigen führenden Tonnageanbieter ausgeschaltet würde. BOC gehört zu den wenigen "erstrangigen" Industriegasherstellern mit führender Technologie, hoher Investitionsfähigkeit und Fachkenntnissen im Bereich der Projektdurchführung. (119) Die Nachfrageseite weist dagegen eine viel geringere Konzentration auf. Viele Wirtschaftszweige, beispielsweise die Stahlindustrie, die metallverarbeitende (Eisen- und Nichteisenindustrie), die chemische und petrochemische Industrie, Raffinerien, die Elektronik- und die Glasindustrie, sind auf die Lieferung von Sauerstoff und Stickstoff in Form des Tonnagevertriebs angewiesen. In den letzten Jahren haben über 100 verschiedene Kunden in Europa um Angebote für große On-site-Anlagen (mit einer Kapazität von mehr als 100 t/d) gebeten. Wenn die Nachfrage nach kleineren (aber dennoch beachtlichen) On-site-Anlagen an der Grenze zwischen Bulk- und Tonnagelieferung (Kapazität 20-100 t/d) einbezogen würde, so läge die Zahl der Kunden sogar noch höher. (120) In der Stahl- und chemischen/petrochemischen Industrie gibt es große Abnehmer. Die Anmelderin führt an, dass einige dieser Kunden sogar noch größer als Air Liquide sind. Es ist jedoch nicht klar, wie die Größe eines Kunden seine Verhandlungsstärke erhöhen kann. Die Verhandlungsposition ist nicht von der Größe eines Unternehmens abhängig, sondern vom jeweiligen Konzentrationsgrad von Angebot und Nachfrage. Auf nicht einen Kunden allein entfällt ein wesentlicher Anteil der Tonnagelieferung im EWR, und der Konzentrationsgrad auf der Seite der Käufer ist erheblich geringer als auf der Angebotsseite. Nicht alle Abnehmer verfügen über eine zentrale Beschaffungseinheit an ihrem Hauptsitz oder können in den Geschäftsverhandlungen durch Mengenaufträge Druck ausüben (121) In seiner Anmeldung erklärt Air Liquide, dass es sich bei den Tonnagekunden im Wesentlichen um wenige große globale Unternehmen (im Stahl-, Chemie- und Raffineriesektor) handelt, die im Allgemeinen eine zentrale Beschaffungseinheit besitzen. Ferner führt das Unternehmen aus, dass die Kunden große Mengen Gas benötigen und daher in der Lage sind, die Gasanbieter in den Geschäftsverhandlungen stark unter Druck zu setzen. (122) Die Nachprüfungen der Kommission haben jedoch nicht bestätigt, dass sich Tonnagekunden auf wenige große multinationale Unternehmen beschränken. Selbst Unternehmen, die über eine zentrale Beschaffungseinheit verfügen, haben darüber hinaus die Ansicht geäußert, dass sie einen harten Kampf ausfechten müssen, um sich gegen die Gasanbieter zu behaupten. (123) In einigen Branchen machen die Kosten für technische Gase einen höheren Prozentsatz der Produktionskosten des Kunden aus als in anderen. So müssen beispielsweise sehr große Mengen Sauerstoff und Argon an ein Stahlwerk geliefert werden, die daher auch einen beträchtlichen Teil der variablen Kosten des Stahlwerks ausmachen. Absolut gesehen können auch die an einen chemischen Betrieb gelieferten Mengen an Sauerstoff und Stickstoff groß sein, jedoch machen sie nur einen relativ geringen Prozentsatz der Kosten des Kunden aus. Laut Anmelderin entfallen auf Sauerstoff und Stickstoff normalerweise ungefähr 3 % der Kosten für die Produkte, für deren Herstellung sie benötigt werden. In den meisten Fällen hängt der Betrieb des Kunden von der Lieferung einer feststehenden Gasmenge ab, und jede Unterbrechung der Lieferung kann sehr hohe Kosten verursachen. Daraus geht hervor, dass die Nachfrage preisunelastisch ist. Die bloße Tatsache, dass große Mengen bezogen werden, bedeutet daher keineswegs, dass Kunden in der Lage sind, bei Vertragsverhandlungen gegenüber den Gasanbietern Druck auszuüben. (124) Die Einführung des Konzepts des "erweiterten Angebots" (expanded offer) oder der "Versorgungsinsel" (utility island), bei der

Quellenbestand vom 5. Oktober 2026. Die Sammlung wird schrittweise erweitert. Dokumentfassungen sind nicht mit der Zahl eigenständiger Gesetze gleichzusetzen.