Europäische Union

2002/742/EG: Entscheidung der Kommission vom 5. Dezember 2001 in einem Verfahren nach Artikel 81 EG-Vertrag und Artikel 53 EWR-Abkommen (Sache COMP/E-1/36.604 — Zitronensäure) (Text von Bedeutung für den EWR) (Bekannt gegeben unter Aktenzeichen K(2001) 3923)

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Avis juridique important | 32002D0742 2002/742/EG: Entscheidung der Kommission vom 5. Dezember 2001 in einem Verfahren nach Artikel 81 EG-Vertrag und Artikel 53 EWR-Abkommen (Sache COMP/E-1/36.604 — Zitronensäure) (Text von Bedeutung für den EWR) (Bekannt gegeben unter Aktenzeichen K(2001) 3923) Amtsblatt Nr. L 239 vom 06/09/2002 S. 0018 - 0065 Entscheidung der Kommission vom 5. Dezember 2001 in einem Verfahren nach Artikel 81 EG-Vertrag und Artikel 53 EWR-Abkommen (Sache COMP/E-1/36.604 - Zitronensäure) (Bekannt gegeben unter Aktenzeichen K(2001) 3923) (Nur der deutsche, der englische und der niederländische Text sind verbindlich) (Text von Bedeutung für den EWR) (2002/742/EG) DIE KOMMISSION DER EUROPÄISCHEN GEMEINSCHAFTEN - gestützt auf den Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, gestützt auf das Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum, gestützt auf die Verordnung Nr. 17 vom 6. Februar 1962 - Erste Durchführungsverordnung zu den Artikeln 85 und 86 des Vertrags(1), zuletzt geändert durch die Verordnung (EG) Nr. 1216/1999(2), insbesondere auf die Artikel 3 und 15 Absatz 2, gestützt auf den Beschluss der Kommission vom 28. März 2000, ein Verfahren in dieser Sache einzuleiten, nachdem den beteiligten Unternehmen Gelegenheit gegeben wurde, sich gemäß Artikel 19 Absatz 1 der Verordnung Nr. 17 und der Verordnung (EG) Nr. 2842/98 vom 22. Dezember 1998 über die Anhörung in bestimmten Verfahren nach Artikel 85 und 86 EG-Vertrag(3) zu den von der Kommission erhobenen Beschwerdepunkten zu äußern, im Hinblick auf den endgültigen Bericht des Anhörungsbeauftragten in dieser Sache, nach Anhörung des Beratenden Ausschusses für Kartell- und Monopolfragen, in Erwägung nachstehender Gründe: TEIL I - SACHVERHALT A. ZUSAMMENFASSENDE DARSTELLUNG DES VERSTOSSES (1) Diese Entscheidung ist an folgende Unternehmen gerichtet: - Archer Daniels Midland Company Inc. (ADM), - Cerestar Bioproducts BV (Cerestar Bioproducts), - F. Hoffmann-La Roche AG (HLR), - Haarmann & Reimer Corporation (H & R), - Jungbunzlauer AG (Jungbunzlauer). (2) Der Verstoß gegen Artikel 81 Absatz 1 EG-Vertrag und Artikel 53 EWR-Abkommen (vom 1. Januar 1994) besteht darin, dass sich diese Zitronensäurehersteller im gesamten EWR an fortgesetzten Kartellabsprachen und/oder an aufeinander abgestimmten Verhaltensweisen beteiligten, die Folgendes zum Gegenstand hatten: Festsetzung von Marktanteilsquoten auf dem Zitronensäuremarkt, Abstimmung von Preiszielen für das Produkt, Abstimmung von Preislisten für das Produkt, Vereinbarung über die Aufhebung von Nachlässen für alle Abnehmer mit Ausnahme der fünf größten Kunden und Errichtung eines Mechanismus zur Überwachung und Durchsetzung der Absprachen. (3) An dem Verstoß waren die Unternehmen Archer Daniels Midland Company Inc., Haarmann & Reimer Corporation, F. Hoffmann-La Roche AG und Jungbunzlauer AG von März 1991 bis Mai 1995 und das Unternehmen Cerestar Bioproducts BV von Mai 1992 bis Mai 1995 beteiligt. B. DIE ZITRONENSÄUREBRANCHE 1. DAS ERZEUGNIS (4) Zitronensäure ist in der Natur weit verbreitet und kommt sowohl in Pflanzen als auch in Tieren vor. Sie gelangt hauptsächlich in der Lebensmittelindustrie zum Einsatz und ist wegen ihrer hohen Löslichkeit, ihres sauren Geschmacks und Säuregehalts sowie ihrer Pufferungsfähigkeit das weltweit am häufigsten verwendete Säuerungs- bzw. Konservierungsmittel. (5) Zitronensäure wurde ursprünglich durch physische Extraktion der Säure aus dem Saft von Zitronen gewonnen. Heutzutage wird Zitronensäure großtechnisch vor allem mit Hilfe von Gärungsprozessen erzeugt, bei denen als Ausgangsmaterial Traubenzucker oder Zuckerrübenmelasse und als Gärorganismus der Schimmelpilz Aspergillus Niger verwendet werden. Die Fermentation erfolgt entweder in tiefen Becken (im so genannten Submersverfahren, der allgemein üblichen Methode) oder in flachen Becken (Oberflächenverfahren). Dabei entsteht fluessige Zitronensäure, die anschließend gereinigt, konzentriert und kristallisiert wird. (6) Je nach Feuchtigkeitsgehalt wird zwischen mehreren Sorten unterschieden: In Lebensmitteln werden hauptsächlich kristallwasserhaltige Zitronensäure ("citric acid monohydrate" bzw. CAH) mit rund 8 % und kristallwasserfreie Zitronensäure ("citric acid anhydrous" bzw. CAA) mit rund 0,5 % Feuchtigkeitsanteil gebraucht. Zitronensäurelösung mit einem Feuchtigkeitsgehalt von etwa 50 % und Trinatriumcitrat (ein Salz, das entsteht, wenn Zitronensäure mit Natronlauge neutralisiert wird) kommen bei der Herstellung von Wasch- und Reinigungsmitteln und in anderen Industriezweigen zum Einsatz. (7) Die Einsatzmöglichkeiten von Zitronensäure sind sehr unterschiedlich und lassen sich in vier Hauptanwendungsbereiche unterteilen: (8) Lebensmittel: Auf dieses Marktsegment entfiel 1994 das Gros - rund 60 % - des Zitronensäureverbrauchs in der gesamten EG (in Volumen gemessen). Die größten Abnehmer sind die Hersteller alkoholfreier Getränke. Zitronensäure deckt volumenmäßig beinahe drei Viertel des gesamten EG-Verbrauchs an Säuerungsmitteln ab, zu denen auch Apfel- und Fumarsäure zählen. Sie ist vor allem aufgrund ihrer hohen Löslichkeitsrate das in diesem Bereich am meisten nachgefragte Produkt. (9) Während der 90er Jahre führte das starke Wachstum des westeuropäischen Erfrischungsgetränkemarktes zu einem höheren Zitronensäureverbrauch. Bei der Herstellung fester Lebensmittel findet Zitronensäure in Konfitüren, Gelees und Gelatine-Süßspeisen sowie in Frucht- und Gemüsekonserven Anwendung. Sie hilft auch den Geschmack von Eiskrem, Tortenfuellungen und Fruchtkrems verbessern. Weitere Einsatzmöglichkeiten bestehen in der Fleischindustrie und im Bäckereigewerbe (bei der Mehlverarbeitung und als Backzusatz). (10) Wasch- und Reinigungsmittel für den Haushalt: Zitronensäure und Citrate wurden in der Waschmittelindustrie Anfang der 90er Jahre verstärkt anstelle der für umweltschädlich erachteten Phosphate verwendet. Sie werden zur Enthärtung des Wassers als phosphatfreie zusätzliche Gerüststoffe ("co-builder") neben einem Enthärter ("builder") wie Zeolith in Pulverwaschmitteln für starke Verunreinigungen gemischt. Feinwaschpulver enthalten in der Regel nur wenig Enthärter, ein zusätzlicher Gerüststoff wie Citrat ist hier nicht erforderlich. Zitronensäure und Citrate werden auch in Erzeugnissen zur Reinigung von Oberflächen verwendet. (11) Die wesentlichen Vorteile der Beimischung von Citraten in Waschmitteln bestehen in der biologischen Abbaubarkeit und in der einfachen Verarbeitung, insbesondere bei Zusammensetzungen die Zeolith enthalten. Um Kosten zu sparen, kaufen große Waschmittelhersteller gewöhnlich Zitronensäure, um sie dann in ihren eigenen Produktionsanlagen in das benötigte Citrat umzuwandeln. (12) Der Einsatz in Waschmitteln machte 1994 mehr als 23 % des gesamten Zitronensäureverbrauchs in Westeuropa aus. Wegen der hohen Preiselastizität in dieser Branche hängt die Verwendung von Zitronensäure sehr stark davon ab, dass die Preise für das Produkt konkurrenzfähig sind. (13) Arzneimittel und Kosmetika: Die Verwendung des Produkts in diesem Marktsegment macht mehr als 8 % (1994) des gesamten westeuropäischen Zitronensäureverbrauchs aus. In der Pharmaindustrie wird Zitronensäure sowohl in Human- als auch in Tierarzneimitteln verwendet. Bei Ersteren wird sie vornehmlich in Brausetabletten und -pulvern, aber auch in Sirup-Lösungen und in Antikoagulaten verwendet. (14) Industrietechnische und andere Zwecke: Auf dieses Marktsegment entfielen 1994 über 9 % des gesamten Zitronensäureverbrauchs in Westeuropa. Industrietechnisch gelangt Zitronensäure hauptsächlich in Kohlekraftwerken zum Einsatz, wo es zur Reinigung bzw. zur Entfernung von Ablagerungen an den Brennerwänden benötigt wird. Weitere technische Anwendungen sind u. a. die Behandlung von Metalloberflächen vor der Beschichtung und die Verwendung in Industrie- und sonstigen Reinigern. Bei allen diesen Anwendungen können anstelle von Zitronensäure auch andere organische oder mineralische Säuren verwendet werden. 2. DIE HERSTELLER a) Archer Daniels Midland Company Inc. (15) Archer Daniels Midland Company Inc. (ADM) ist die Dachgesellschaft einer Gruppe von Unternehmen, die Mais, Sojabohnen und Weizen verarbeiten. Bei der Maisverarbeitung fallen als Nebenprodukte auch Sirup, Süßstoff, Zitronen- und Milchsäure sowie Äthylalkohol an. Der Konzern wandelt ferner Sojabohnen und andere Ölsaaten in pflanzliche Öle und diverse Nebenprodukte um; die Palette reicht von Salatöl über Margarine bis hin zu Industriechemikalien und Fruchtfleisch. Außerdem produziert er Weich- und Hartweizenmehl für Bäckereien und Teigwarenhersteller. (16) ADM verfügt weltweit über mehr als 350 eigene oder gepachtete Produktionsstätten, darunter die weltweit größten Anlagen zur Verarbeitung von Sojabohnen (Europoort, Niederlande), zur Verarbeitung unterschiedlicher Ölsaaten (Hamburg, Deutschland) und zur Zerkleinerung von Weichsaaten (Erith, Vereinigtes Königreich). Das Unternehmen beschäftigt weltweit ungefähr 23000 Personen und setzte im Jahr 2000 insgesamt 13,93595 Mrd. EUR (12,187682 Mrd. USD) um. (17) ADM stieg 1991 mit der Übernahme der einschlägigen Produktionsanlagen der Pfizer Chemical Corporation in Ringaskiddy (Irland) in den Zitronensäuremarkt ein. b) Cerestar Bioproducts BV (18) Cerestar Bioproducts BV (Cerestar Bioproducts) ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Cerestar SA, dem europäischen Marktführer bei Waren, die auf der Basis von Stärke hergestellt werden. Die Cerestar SA wurde am 2. Juli 2001 zum Handel an der Pariser Börse zugelassen, nachdem die Eridania-Béghin-Say-Gruppe (EBS) in vier eigenständige Unternehmen aufgegliedert und dann aufgelöst wurde. Die Cerestar SA, die weltweit über 17 Werke und rund 3900 Beschäftigte verfügt, erzielte im Jahr 2000 einen pro forma errechneten Umsatz in Höhe von 1,6932 Mrd. EUR. Die italienische Unternehmensgruppe Montedison hält derzeit ungefähr 54 % ihrer Anteile. (19) Bis zu ihrer Auflösung war EBS einer der größten agroindustriellen Konzerne der Welt, der in folgenden Bereichen tätig war: Zucker und Zuckerderivate, Stärke und Stärkederivate, Verarbeitung und Vermarktung von Ölsaaten, Tiernahrung, Olivenöl, Kräuter und Gewürze. EBS erwirtschaftete im Jahr 2000 einen Umsatz von 98053 Mrd. EUR und beschäftigte an insgesamt 165 Standorten in über 30 Ländern 21700 Personen. (20) Vor der Unternehmensspaltung war Cerestar Bioproducts eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Cerestar Holding BV, die wiederum eine Tochtergesellschaft der Eridania-Béghin-Say SA, der eigentlichen Muttergesellschaft von EBS, war. (21) Cerestar Bioproducts BV war nach dem Kauf des italienischen Zitronensäurewerks von Biacor durch EBS am 31. Dezember 1991 für die Herstellung, den Verkauf und die Vermarktung von Zitronensäure zuständig. Im Jahr 2000 meldete Cerestar Bioproducts BV einen Absatz von 17,51 Mio. EUR. c) Haarmann & Reimer Corporation (22) Haarmann & Reimer Corporation (H & R) ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Bayer Corporation (USA), die ihrerseits zu hundert Prozent der deutschen Bayer AG gehört. (23) Die Bayer AG ist die oberste Muttergesellschaft eines Chemie- und Gesundheitspflegekonzerns, der rund 350 einzelne Unternehmen in 150 Ländern umfasst. Der Bayer-Konzern beschäftigt weltweit über 120000 Mitarbeiter und wies im Jahr 2000 einen Umsatz von 30,791 Mrd. EUR aus. (24) Von 1991 bis 1995 wurden sämtliche Anlagen zur Produktion von Zitronensäure, über die der Bayer-Konzern weltweit verfügte, von der Food Ingredients Division der H & R betrieben, die ihren Sitz bis 1996 im US-Bundesstaat Indiana hatte. H & R steuerte in dieser Zeit den gesamten Zitronensäureabsatz und war für die Gestaltung der Preise weltweit verantwortlich. Die Food Ingredients Division setzte 1996 weltweit 293 Mio. USD um und beschäftigte etwa 1300 Personen. (25) Im April 1996 wurden die Geschäfte der Food Ingredients Division von H & R auf die britische Tochter des Bayer-Konzerns, Bayer Plc (UK) übertragen und dann im Juni 1998 schließlich an die Unternehmensgruppe Tate & Lyle (UK) verkauft. (26) Im Jahr 1999 hat H & R einen Umsatz von 200 Mio. USD (187,62 Mio. EUR erzielt. Haarman & Reimer [Corporation] ist jetzt eine Finanzholding die 51 % des gemeinsamen Unternehmens ("partnership") Haarman & Reimer kontrolliert; dieses wies im Jahr 2000 einen Umsatz von 187,73 Mio. USD (203,17 Mio. EUR) aus. d) F. Hoffmann-La Roche AG (27) F. Hoffmann-La Roche AG (HLR) ist in den drei Hauptgeschäftsbereichen, in denen es operiert, ein international führendes Unternehmen: Arzneimittel, Diagnostika sowie Vitamine und Feinchemikalien. (28) Der Konzern beschäftigt weltweit knapp 65000 Personen. Im Jahr 2000 betrug sein Umsatz insgesamt 18,403 Mrd. EUR. Nach Regionen aufgeschlüsselt, setzte der Konzern 2000 38 % seiner Erzeugnisse in Europa, 37 % in Nordamerika, 10 % in Lateinamerika, 12 % in Asien und 3 % in Afrika, Australien und Ozeanien ab. (29) Das Zitronensäuregeschäft gehört zum Konzernbereich Vitamine und Feinchemikalien, der im Jahr 2000 einen Umsatz von 2,314 Mrd. EUR erzielte, was 13 % des Gesamtumsatzes entspricht. HLR lässt Zitronensäure in Tienen (Belgien) von der Tochtergesellschaft SA Citrique Belge NV produzieren. e) Jungbunzlauer AG (30) Die Jungbunzlauer AG ist eine Schweizer Unternehmensgruppe, deren Sitz sich derzeit in Basel befindet. Der Konzern wird letztlich von der Holdinggesellschaft Jungbunzlauer Holding AG kontrolliert, deren Anteile sich über die Holdinggesellschaft Montana AG zur Gänze im Besitz einer Familie befinden. Der Sitz des Konzerns befindet sich auf dem Gelände der Jungbunzlauer AG, der Verwaltungsgesellschaft, die seit 1993 die Geschäfte der Jungbunzlauer Holding AG führt. Vor 1993 wurde der gesamte Konzern von der Jungbunzlauer GmbH in Wien (Österreich) geleitet. (31) Der Jungbunzlauer-Konzern hat sich auf die Herstellung und den Vertrieb von Ausgangserzeugnissen für die Lebensmittel-, die Arzneimittel- und die Kosmetikindustrie sowie eine Reihe weiterer Industriezweige spezialisiert. Er gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Zitronensäure, Xanthangummi, Citraten, Gluconaten und Glukose. (32) Der Konzern beschäftigt rund 500 Mitarbeiter und hat Tochtergesellschaften in fünf europäischen Staaten - Frankreich, Deutschland, Niederlande, Österreich, Ungarn - sowie in den USA, Singapur und Indonesien. Er setzte im Jahr 2000 rund 314 Mio. EUR um. Jungbunzlauer verfügt derzeit über Anlagen zur Produktion von Zitronensäure in Österreich, Deutschland und Frankreich sowie in Indonesien. In Kanada befindet sich ein weiteres Zitronensäurewerk in Bau. (33) Während des Zeitraums, der in der vorliegenden Entscheidung behandelt wird, war die Jungbunzlauer GmbH für die gesamte Produktion von Zitronensäure zuständig. Sie sorgte auch für den Vertrieb der Erzeugnisse, bis 1993 diese Verantwortung an eine andere Rechtsperson, nämlich die Jungbunzlauer International AG, übertragen wurde. (34) Die Führungskräfte des Jungbunzlauer-Konzerns, die an den in der vorliegenden Entscheidung behandelten Tatbeständen beteiligt waren, waren entweder bei der Jungbunzlauer GmbH oder der Jungbunzlauer AG beschäftigt. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Jungbunzlauer GmbH und die Jungbunzlauer AG nacheinander die Geschäfte des gesamten Konzerns leiteten, werden diese beiden Unternehmen der Klarheit halber als "Jungbunzlauer" bezeichnet, sofern nichts anderes angegeben ist. f) Andere Hersteller i) Chinesische Hersteller (35) Die chinesische Zitronensäureindustrie ist Ende der 80er Jahre rasch gewachsen und verdreifachte die Jahresproduktion im Zeitraum 1990-1994 mit einem Spitzenwert von mehr als 200000 t(4)/Jahr. Die Branche ist stark exportorientiert; nur 20 % bis 25 % der Gesamtproduktion wird im Inland abgesetzt. Der Absatz der in China erzeugten Zitronensäure erfolgt ausnahmslos über Vertriebsgesellschaften und Handelsvertreter. Unter den schätzungsweise 120 Herstellern (1994) finden sich nur sehr wenige Großunternehmen. Die Produzenten beziehen ihre Ausgangsstoffe in Form von Kartoffeln von landwirtschaftlichen Betrieben in ihrer näheren Umgebung, und die Gärung findet zumeist in kleinen Anlagen statt, deren Betrieb wenig Investitionen erfordert. Die chinesische Zitronensäurebranche hängt stark von den Ausfuhrpreisen und der Nachfrage im Ausland ab. ii) Sonstige Hersteller (36) Der europäische Markt wird ferner von kleineren Anbietern wie dem israelischen Unternehmen Gadot Biochemical Industries, dem US Multi Cargill Inc. und mehreren osteuropäischen und russischen Firmen bedient. 3. DER WIRTSCHAFTSVERBAND ECAMA (37) Der Verband der europäischen Zitronensäurehersteller - European Citric Acid Manufacturers' Association (nachstehend "ECAMA") - ist eine branchenspezifische Wirtschaftsvereinigung unter dem Dach des Europäischen Rats der chemischen Industrie (CEFIC) mit Sitz in Brüssel (Belgien). Er vertritt die Interessen der Zitronensäurehersteller und hält zweimal im Jahr eine allgemeine Tagung ab. Innerhalb des Verbands beschäftigen sich Arbeitsgruppen mit technischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen. Der Verband verfolgt außerdem die weltweite Marktentwicklung, indem er monatlich Absatzdaten erhebt, die anonym verwaltet werden, so dass sie hinterher keinem Unternehmen mehr zugeordnet werden können. Die Absatzzahlen werden anonym von der Firma Schweizerische Treuhandgesellschaft - Coopers & Lybrand geprüft, die regelmäßig über die Prüfergebnisse Bericht erstattet. 4. DER ZITRONENSÄUREMARKT a) Angebot (38) Der Zitronensäuremarkt hat im Wesentlichen weltweite Dimension und eine oligopolistische Struktur. Kennzeichnend für die Branche sind verhältnismäßig niedrige Transportkosten, die im Durchschnitt 5 % bis 7 % des Endankaufspreises im Falle der meisten Großproduzenten ausmachen. Der Standardzoll für die Einfuhr von außerhalb des EWR erzeugter Zitronensäure betrug 1996 in der Gemeinschaft 11,1 % und ist seither gesunken. Die meisten Anwendungen von Zitronensäure setzen nur ein durchschnittliches Know-how voraus, so dass Marktzutrittsschranken technischer Art nicht ins Gewicht fallen. (39) Die größten Zitronensäurehersteller sind überwiegend multinationale Unternehmen. Eine Ausnahme bildet die Firma Jungbunzlauer, ein mittelgroßes Familienunternehmen, das dennoch 1996 der führende Produzent von Zitronensäure in der Gemeinschaft war. (40) Absatz und Produktion lassen sich grundsätzlich drei großen geografischen Gebieten - Nordamerika, Europa und Asien - zuordnen; doch auch zwischen diesen Regionen besteht ein beträchtlicher Handel mit Zitronensäure. Allein in der Gemeinschaft werden nahezu 20 % des Gesamtverbrauchs durch Lieferungen von Dutzenden kleiner Hersteller aus China gedeckt. (41) Zur Beurteilung des Umfangs des Zitronensäuremarktes während des relevanten Zeitraums berücksichtigt die Kommission verschiedene Schätzungen, insbesondere die Angaben der führenden Zitronensäureproduzenten aus den Antworten auf die Auskunftsverlangen vom August 1997. Im Jahr 1996 schätzte die ECAMA das Volumen des Zitronensäuremarktes auf weltweit 785000 t und in Europa auf 303000 t(5). Laut den nach bestem Wissen erstellten Schätzungen der Kommission belief sich im Zeitraum 1994-1997 die weltweite Produktionskapazität auf mindestens rund 900000 t(6) und die tatsächliche weltweite Nachfrage nach dem Erzeugnis auf mindestens 750000 t. (42) In seiner Erwiderung auf die Beschwerdepunkte führt H & R an, dass das Marktvolumen in der EG nach seinen Informationen über den Markt im relevanten Zeitraum ungefähr 200000 t betrug. Ausgehend von einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 1,25 EUR, läge das Marktvolumen in der EG im relevanten Zeitraum bei 250 Mio. EUR und nicht, wie in den Beschwerdepunkten angegeben, bei 350 Mio. EUR. (43) Wendet man den durchschnittlichen Preis, den H & R 1995(7) für Zitronensäure in Rechnung stellte, auf den von der Kommission angenommenen Mindestwert von 750000 t an, so erhält man für das Volumen des Weltmarktes einen Wert von über 1 Mrd. EUR. Ferner erhält man bei Anwendung des Durchschnittspreises von 1,25 EUR/t (vorgeschlagen von H & R in der Erwiderung auf die Beschwerdepunkte) auf das von der ECAMA angegebene geschätzte Volumen von 303000 t einen Wert von 375 Mio. EUR für den europäischen Markt. (44) Am 27. Juli 2001 sandte die Kommission ein Auskunftsersuchen an die Adressaten der vorliegenden Entscheidung mit der Bitte, ihre welt- und EWR-weiten Verkaufszahlen für Zitronensäure im Jahr 1995 mitzuteilen. Die Unternehmen machten folgende Angaben: Tabelle 1 >PLATZ FÜR EINE TABELLE> (45) Die geschätzten Marktanteile der Hersteller erreichten 1996 folgende Werte:(8) Tabelle 2 >PLATZ FÜR EINE TABELLE> (46) Den angeführten Zahlen zufolge erreichten die Marktanteile der Adressaten der vorliegenden Entscheidung im Jahr 1996 zusammen rund 60 % des Weltmarktes und 67 % des EWR-Marktes für Zitronensäure(9). Kombiniert man diese Angaben mit den Verkaufszahlen aus Tabelle 1 unter Randnummer 44, so erhält man 1995 für den gesamten Weltmarkt für Zitronensäure ein geschätztes Volumen von 894,72 Mio. EUR und für den gesamten EWR-Markt von 323,69 Mio. EUR(10). (47) Infolgedessen geht die Kommission davon aus, dass während des Zeitraums, der in der vorliegenden Entscheidung behandelt wird, das Volumen des weltweiten Zitronensäuremarktes auf jeden Fall bei ca. 900 Mio. EUR lag und der Wert des EWR-weiten Marktes zumindest rund 320 Mio. EUR betrug. (48) In seiner Erwiderung auf die Beschwerdepunkte führt H & R an, dass die Stärke seines Anteils am Weltmarkt vor allem auf seine starke Position als lokaler Erzeuger auf den durch Zölle geschützten Märkten in Südamerika zurückzuführen ist. In Bezug auf den europäischen Markt weist H & R ferner darauf hin, dass es vor der Übernahme der Aktivitäten von Rhône-Poulenc in Selby nur über eine Kapazität von 10000 t verfügte und dass die Produktion des dort neu errichteten Werks anfangs beträchtlich unter der geplanten Kapazität von 20000 t lag. (49) HLR argumentiert in seiner Erwiderung auf die Beschwerdepunkte fest, dass die Kommission, dadurch dass sie sich auf seinen Anteil am europäischen Markt im Jahr 1996 konzentriert, den durchschnittlichen Marktanteil von HLR während der Dauer des Kartells zu hoch angesetzt hat. HLR behauptet sogar, dass es aufgrund des geltenden Quotensystems (siehe unten) vom Wachstum auf dem Gemeinschaftsmarkt nicht profitieren konnte und sein Marktanteil sank. HLR zufolge begann das Unternehmen 1995, seinen Anteil am Gemeinschaftsmarkt wieder zu steigern. (50) Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die derzeitige Größe der Unternehmen, die im Zeitraum 1991-1995 die führenden Zitronensäureproduzenten waren, und über die Größe der Konzerne, zu denen sie gehören. Tabelle 3 Derzeitige Größe der führenden Zitronensäurehersteller aus dem Zeitraum 1991-1995 (Jahr 2000) >PLATZ FÜR EINE TABELLE> b) Nachfrage (51) Die Abnehmer von Zitronensäure reichen von großen multinationalen Lebensmittelkonzernen, die ihren Bedarf direkt bei den Herstellern decken, bis hin zu kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die von Vertriebshändlern beliefert werden. Auf die Lebensmittelbranche entfällt das Gros des Verbrauchs; die nächstgrößeren Abnehmer sind die Hersteller von Wasch- und Reinigungsmitteln. c) Zwischenstaatlicher Handel in der Gemeinschaft (52) Zitronensäure wird in fünf Mitgliedstaaten der Gemeinschaft - Österreich, Belgien, Irland, Italien, Vereinigtes Königreich - hergestellt und in der gesamten Gemeinschaft vertrieben. Die fünf Adressaten der vorliegenden Entscheidung verfügten über Produktionsstandorte in der Gemeinschaft (in einigen Fällen über Tochtergesellschaften). In der nachstehenden Tabelle sind der jährliche gemeinschaftsweite Absatz der Unternehmen mit Produktionsanlagen in der Gemeinschaft und der prozentuale Anteil der Mengen angegeben, die jeweils außerhalb des Mitgliedst

Quellenbestand vom 5. Oktober 2026. Die Sammlung wird schrittweise erweitert. Dokumentfassungen sind nicht mit der Zahl eigenständiger Gesetze gleichzusetzen.